{"id":65,"date":"2008-11-25T11:17:18","date_gmt":"2008-11-25T11:17:18","guid":{"rendered":"http:\/\/desarrollo.make.es\/eurojuris\/en\/?p=65"},"modified":"2020-04-11T07:20:43","modified_gmt":"2020-04-11T07:20:43","slug":"auf-dem-kreuzzug-wirtschaftswoche-august-2008","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.asociacion-eurojuris.es\/en\/auf-dem-kreuzzug-wirtschaftswoche-august-2008\/","title":{"rendered":"Auf dem Kreuzzug (Wirtschaftswoche, August 2008)"},"content":{"rendered":"<p>Thomas M\u00fcller kam 1980 zum ersten Mal nach La Gomera. Es war Liebe auf den ersten Blick. Dem heute 55-J\u00e4hrigen gefiel es so gut, dass er dauerhaft bleiben wollte. Der Fotograf und Architekt kaufte in unmittelbarer N\u00e4he der K\u00fcste eine alte Bananen-Verladestation aus dem Jahr 1890, renovierte sie und entwickelte die ehemalige Ruine \u00fcber die Jahre schlie\u00dflich zum Kulturzentrum \u201eCastillo del Mar&#8221;. 500 Veranstaltungen hat M\u00fcller sei de Er\u00f6ffnung 2002 auf die Kanareninsel gebracht. Dennoch: Die spanischen Beh\u00f6rden wollen ihn jetzt enteignen. Die Lage der historischen Immobilie versto\u00dfe gegen ein K\u00fcstengesetz aus dem Jahr 1988, nach dem bis zu 500 Meter vom Strand entfernt nicht gebaut werden darf. Ein Schlag ins Gesicht f\u00fcr M\u00fcller, der mehrere Millionen Euro in den von der Gemeinde autorisierten Umbau gesteckt hatte.<!--more-->\u00a0<\/p>\n<p>Lange Jahre galt Spanien als idealer Standort f\u00fcr ein Ferienhaus &#8211; es war g\u00fcnstig zu haben, die Spanier waren freundlich, und nat\u00fcrlich stimmte das Wetter. Doch inzwischen m\u00fcssen K\u00e4ufer einiges erdulden und vieles bef\u00fcrchten.<\/p>\n<p>Vorbei die Zeit, in der sich die H\u00e4userpreise und mit ihnen die der Ferienimmobilien Jahr f\u00fcr Jahr nach oben schraubten. Laut Europ\u00e4ischer Zentralbank kletterten die Immobilienpreise in Spanien zwischen 1999 und 2005 um 15 Prozent pro Jahr &#8211; so stark wie sonst nirgendwo in Europa. Doch das ist vorbei. Offizielle Statistiken melden f\u00fcr 2007 zwar nur einen moderaten Preisr\u00fcckgang zwischen zwei und drei Prozent. Doch diese Zahlen mag kaum noch jemand glauben. Die spanische Maklervereinigung API spricht von einem Wertverlust der Immobilien von 30 Prozent seit Beginn der Immobilienkrise im vergangenen Jahr.<\/p>\n<p>Allein 2007 verloren Objekte in K\u00fcstenlagen laut Berechnungen des Immobilienmaklers Engel &amp; V\u00f6lkers (WirtschaftsWoche 17\/2008). Und der Verfall geht weiter, sagt etwa Mariano Miguel, Chef des hoch verschuldeten spanischen Bautr\u00e4gers Colonial: \u201eWir rechnen in den n\u00e4chsten zwei bis drei Jahren mit Preisr\u00fcckg\u00e4ngen bei Wohnimmobilien um die 30 Prozent&#8221;. Der trifft nicht nur die Hausbesitzer hart, sondern auch die Immobilienunternehmen. Wegen der seit 2006 nachlassenden Nachfrage nach Wohnungen h\u00e4uften sich Schulden in Milliardenh\u00f6he an, die Aktienkurse der einstigen Boom-Branche gingen im Sturzflug nach unten (siehe Charts Seite 90). <span style=\"color: #000000;\"><strong>\u201eIch frage mich, warum die Banken und die spanische Politik solange unt\u00e4tig geblieben sind&#8221;, sagt Rechtsanwalt Esteban Arriaga, der gerade mehrere in Konkurs gegangenen Baufirmen an der Costa del Sol abwickelt.<\/strong><\/span> Die Gier nach dem leicht verdiente Geld hat viele Unternehmer blind gemacht &#8211; und den Bauunternehmen und Projektentwicklern die Geldh\u00e4hne zugedreht.<\/p>\n<p>Immobilienbesitzer, unter ihnen viele Deutsche, f\u00fcrchten nun, dass sie ihre Ferienh\u00e4user und Wohnungen nicht mehr zum gleichen Preis loswerden, zu dem sie diese erworben haben &#8211; von Gewinnen ganz zu schweigen. Viele geraten zudem in Gefahr, irgendwann wie M\u00fcller zur Rechenschaft gezogen zu werden, weil ihr Ferienhaus gegen den Fl\u00e4chenordungsplan der Region oder nationale Umweltgesetze verst\u00f6\u00dft.<\/p>\n<p>In Spanien gibt es nach Angaben des Interessenverbands Plataforma Nacional de Afectados por la Ley de Costas derzeit allein rund 300 000 Immobilien, die gegen das K\u00fcstengesetz aus dem Jahr 1988 versto\u00dfen, nach dem 500 Meter vom Strand entfernt nicht gebaut werden darf. Ihre in Zeiten, in denen Umweltpolitik noch nicht so wichtig genommen wurde, von den zust\u00e4ndigen Gemeinden erteilten Baugenehmigungen n\u00fctzen ihnen wenig: Ihre Objekte gelten jetzt als illegal. N\u00e4chster Schritt sind Abriss oder Enteignung. \u201eEnteignung l\u00e4uft in Spanien so ab, dass den Eigent\u00fcmern zwar das Recht auf Nutzung der Immobilie gegeben wird, sie aber den Besitz de facto verlieren&#8221;, sagt Rechtsanwalt Jos\u00e9 Ortega, der den Interessenverband vertritt. Eine Beschwerde eines Betroffenen hat das spanische Verfassungsgericht bereits abgelehnt. 1300 H\u00e4user in Spanien wurden nach Angaben des Verbandes in den vergangenen Jahren als vermeintliche Scwarzbauten abgerissen. Entsch\u00e4digungen gab es noch keine.<\/p>\n<p>Fatal: M\u00f6gliche Entsch\u00e4digungen nach Enteignungen richten sich immer nach dem aktuellen Marktwert der Immobilie. Fallen die Preise weiter, k\u00f6nnte zum Beispiel das \u201eCastillo del Mar&#8221; f\u00fcr den Deutschen M\u00fcller zu einem riesigen Verlustgesch\u00e4ft werden. Verkaufen kann er nicht mehr, da die Immobilie bereits als illegal stigmatisiert ist, w\u00fcrde ihm niemand auch nur einen Cent geben.<\/p>\n<p>\u201eEs kann doch nicht sein, dass sich 15 Jahre lang niemand \u00fcber die zugepflasterten K\u00fcsten aufgeregt hat und jetzt auf einmal ein Kreuzzug gegen Leute gef\u00fchrt wird, die auf den ersten Blick v\u00f6llig legale Wohnungen und H\u00e4user am Meer gekauft haben&#8221;, regt sich die Spanierin Carmen del Amo, Pr\u00e4sidentin der K\u00fcstenimmobilien-Lobby, \u00fcber ihre eigenen Landsleute auf.<\/p>\n<p>Sie ist selbst von diesem Kreuzzug betroffen. Del Amo hat ei Haus in Alicante, das wie 800 andere dort wegen seiner N\u00e4he zum Strand vor vier Jahren als illegal abgestempelt wurde. \u201e\u00dcber Jahre wurden Bau-Praktiken zugelassen, die nun wieder zulasten der Privateigent\u00fcmer und Steuerzahler r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden sollen&#8221;, sagt Jan Stuyvesant. Der Holl\u00e4nder besitzt mehrere Ferienwohnungen am FKK-Strand von Playa Vera bei Almeria. Hier steht nicht nur eine Apartmentanlage, sondern auch ein gro\u00dfes Hotel.<\/p>\n<p>\u201eW\u00e4hrend der Strand des Hotels immer weiter vergr\u00f6\u00dfert wurde, damit nicht gegen das geltende K\u00fcstengesetz versto\u00dfen wird, wurde vor den Ferienwohnungen der Strand immer weiter abgebaut. Wir bef\u00fcrchten, dass man uns damit schon mal auf eine baldigen Enteignung vorbereitet, weil wir nun viel zu nah am Wasser liegen&#8221;, sagt Stuyvesant. Der Holl\u00e4nder vermutet, dass Schmiergelder an Gemeindefunktion\u00e4re die merkw\u00fcrdige und f\u00fcr ihn ung\u00fcnstige Strandverlegung beeinflusst haben.<\/p>\n<p>Korruptionsskandale im Zusammenhang mit Baugenehmigungen sind in spanischen K\u00fcstengemeinden eher die Regel als die Ausnahme. <span style=\"color: #000000;\"><strong>\u201eSolange wir nicht die Gemeinde-Finanzierung \u00e4ndern und Gemeinden weiter von der Vergabe von Baugenehmigungen leben m\u00fcssen, werden Korruption und auch unkontrolliertes Bauen kein Ende nehmen&#8221;, glaubt Rechtsanwalt Arriaga, der in der N\u00e4he von Marbella lebt<\/strong><\/span>. Derzeit muss sich ein Bautr\u00e4ger f\u00fcr eine Baugenehmigung verpflichten, einen Teil des Grundst\u00fccks f\u00fcr gemeinn\u00fctzige Zwecke freizugeben &#8211; oder Geld an die Gemeinde zu \u00fcberweisen, damit diese gemeinn\u00fctzige Projekte in Auftrag geben kann. Dabei verschwinden oft Tausende von Euro, an der Costa del Sol auch vereinzelt Millionen, bei den Parteien oder direkt in den Taschen der B\u00fcrgermeister. Zwar hat die sozialistische Zentralregierung per Gesetz die Kontrolle durch die Regionalregierungen bei der Vergabe von Bauland verst\u00e4rkt, <span style=\"color: #000000;\"><strong>\u201eaber in der Praxis hat sich nicht viel ver\u00e4ndert&#8221;, sagt der in Madrid, ans\u00e4ssige deutsche Rechtsanwalt Karl Lincke.<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Der Fall Antonio Barrientos beweist das: Der Arzt und Ex-B\u00fcrgermeister von Estepona, einem bis vor ein paar Jahren noch kleinen Ort vor Marbella, wollte aus seiner Gemeinde einen \u201esauberen&#8221; und \u201ekorruptionsfreien&#8221;, Ferienort machen, frei von Mafia. Der Mann mit den breiten Schultern und dem d\u00fcstereren Blick k\u00fcndigte bei seinem Amtsantritt vor vier Jahren an: \u201eWir werden uns distanzieren von Marbella&#8221;. Hier war im Jahr 2004 einer der gr\u00f6\u00dften Geldw\u00e4scherringe Europas aufgedeckt und wenig sp\u00e4ter der gesamte Gemeinderat abgef\u00fchrt worden. Doch Saubermann Barrientos ist nun auch dringend verd\u00e4chtig, illegal Baugenehmigungen gegen Bestechungsgeld vergeben zu haben. Jetzt sitzt er mit mehreren Gemeindepolitikern der Region in Untersuchungshaft in Malaga. In der Region leben 25 000 Deutsche. Viele bangen jetzt um ihre Immobilien.<\/p>\n<p>M\u00fcller, eines der vielen Opfer dieser Art von Baupolitik, verfolgt den Fall Estepona und dessen rechtliche Konsequenzen mit gro\u00dfem Interesse. Manchmal glaubt er auch, dass die Gemeinde ihn nur enteignen will, weil andere Leute Geld mit dem Kulturzentrum auf La Gomera machen wollten. Die h\u00e4tten eben an den richtigen Stellen geschmiert. M\u00fcller kann verstehen, dass Deutsche &#8211; wie Makler an fast allen K\u00fcstenorten und auch auf den Inseln best\u00e4tigen &#8211; derzeit nur noch zu den Verk\u00e4ufern geh\u00f6ren. \u201eManchmal zweifelt man, ob man wirklich in Europa ist. Aber ich habe immer noch Hoffnung&#8221;. Schwacher Trost: Eine Beschwerde des Interessenverbands &#8220;Plataforma Nacional de Afectados por la Ley de Costa&#8221; \u00fcber das Vorgehen der Regierung in der K\u00fcstenimmobilien-Frage wird jetzt vom Europ\u00e4ischen Parlament untersucht.<\/p>\n<p>Besonders \u00fcbel dran ist, wer schon eine Immobilie angezahlt, diese aber noch nicht \u00fcbernommen hat. Denn wegen der zuletzt restriktiven Kreditvergabe der Banken und weiter fallender Preise droht in der spanischen Baubranche eine beispiellose Pleitenwelle. Vor wenigen Wochen traf es das viertgr\u00f6\u00dfte Unternehmen der Branche, Martinsa Fadesa. Dessen Mehrheitsaktion\u00e4r Fernando Mart\u00edn kaufte noch vor zwei Jahre, als schon klar war, dass der Immobilienboom in Spanien vorbei ist, f\u00fcr \u00fcber vier Milliarden Euro den heimischen Wettbewerber Fadesa. Jetzt konnte Martinsa Fadesa 5,2 Milliarden Euro Schulden nicht mehr refinanzieren und meldete Konkurs an. Knapp 12 600 Menschen sind von dieser Pleite direkt betroffen, sie haben bei Martinsa Fadesa Erstwohnungen oder Ferienh\u00e4user vom Rei\u00dfbrett gekauft und m\u00fcssen jetzt um ihre Investitionen f\u00fcrchten.<\/p>\n<p>Weiter Pleiten drohen. Ferienhausentwickler wie Polaris World, Aifos und Marina d&#8217;Or, die auch in Deutschland um Kunden werben, wurden bereits mehrfach der Korruption bezichtigt und in einigen F\u00e4llen auch verurteilt, viele ihrer Objekte stehen leer, nur mit M\u00fche und weiteren Krediten halten sie sich \u00fcber Wasser. Sie sind wesentlich kleiner als Martinsa Fadesa und nicht an der B\u00f6rse notiert &#8211; deswegen ist ihre Lage nicht so transparent. \u201eAber ihre Situation ist kritisch, genau wie die des Branchenf\u00fchrers Colonia&#8221;, sagt Manuel Romera von der Business-School Instituto de Empresa.<\/p>\n<p>Colonial konnte knapp neun Milliarden Euro Schulden in letzter Minute noch refinanzieren, aber wenn das Unternehmen sich nicht schnell von vor zwei Jahren erworbenen Beteiligungen trennen kann, k\u00f6nnte nach Analystensch\u00e4tzungen auch Colonial bald die Pleite drohen.<\/p>\n<p>\u201eEs wird ein Blutbad in der Branche geben&#8221;, warnt der Makler und Bauentwickler Matthias Meindel von Concept Hausbau in Leipzig, der die Entwicklung auf Mallorca intensiv verfolgt. \u201eHier wird trotzt der geringen Nachfrage weiter gebaut, schon jetzt geht aber nur die H\u00e4lfte der Objekte weg&#8221;. Die Immobilienblase sei viel schlimmer als die nach der Wende in den neuen Bundesl\u00e4ndern: \u201eBetrachtet man die schlechte Bauqualit\u00e4t, dann ist die \u00dcberbewertung noch viel h\u00f6her, als viele Unternehmen glauben. Das muss zu Massenpleiten f\u00fchren&#8221;. Sein neues Gesch\u00e4ftsmodell steht bereits: Pleite-Objekte auf Mallorca aufkaufen, nat\u00fcrlich so billig wie m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Steffanie M\u00fcller, Madrid<\/p>\n<p>\ufffd<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thomas M\u00fcller kam 1980 zum ersten Mal nach La Gomera. Es war Liebe auf den ersten Blick. Dem heute 55-J\u00e4hrigen gefiel es so gut, dass er dauerhaft bleiben wollte. 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